Zwei Stunden vor dem Auftritt

Ich sitze in meiner Garderobe und lese Zeitung.

Eine Dame reißt die Tür auf, steht im Raum

und starrt mich eine Weile an. Ich sage: „Grüß Gott.“

Sie sagt: „Grüß Gott.“ Sie verschwindet wieder aus dem Raum und schließt die Tür. Es dauert 10 Sekunden, da reisst sie erneut die Tür auf, grinst mich süffisant an und meint: „Sie sind der Künstler?“

Ich sage: „Ja, ich trete heute Abend hier auf.“

Darauf sie: „Und sie stellen sich jetzt da auf die Bühne und machen dann so… Gags, oder wie?“ Ich denke, ich bin grad im falschen Film,

bin nicht mehr in der Lage, wirklich zu antworten

und grinse nur leicht grenzdebil. Sie macht unbeirrt weiter:

„Und sie wollen hier dann auch noch was essen, oder wie?“

ich kann wieder antworten: „Der Veranstalter hat mir eben eine Speisekarte hingelegt und ich glaube, es war so gedacht,

dass ich etwas zu Essen bekomme.“

Die Frau lacht und sagt: „Das kann ich Ihnen gleich sagen:

Die Küche macht bei uns um 22.00 Uhr, da gibt’s nix mehr.

Wenn überhaupt, dann müssen Sie jetzt was essen.“

Darauf ich: „Ja, dann bringen Sie mir halt jetzt was.

Einen Salat? Ging das?“

„Das ist kein Problem. Gut, dann gibt’s einen Salat.

Und den soll ich Ihnen dann hier herbringen, oder wie?“

„Das wäre nett.“ Sie verschwindet wieder und lässt die Tür offen stehen.

Ich schließe die Tür.

Etwa eine halbe Stunde später. Ich ziehe mich gerade um und mache ein paar Dehnübungen. Da wird die Tür aufgerissen und besagte Dame erscheint, mit einem Teller Salat in der Hand.

„So, der Künstler, macht er sich grad für seinen Auftritt locker,

der Herr Künstler. Aber speisen will er auch noch, der Herr Künstler. Und genau da am Tisch will er sein Essen haben.

Dann stellen wir ihm sein Essen auch genau da hin und dann wünschen wir ihm einen guten Appetit, dem Herrn Künstler.“

Sie verschwindet wieder aus dem Raum und lässt die Tür offen stehen.

Ich schließe die Tür und bin mir sicher:

sie hält mich für den unverschämtesten Menschen,

der ihr seit Langem untergekommen ist.