Wespen

Jahrelang habe ich diese Tiere zutiefst verachtet.
Ich war davon überzeugt, dass sie keinerlei Nutzen für die Umwelt haben und einzig zu dem Zweck auf Erden verweilen, mir meinen Zwetschgendatschi vor der Nase wegzufressen.
Ich betone: ich habe sie nie gefürchtet, ich habe sie schlichtweg verachtet. Während andere am Kaffeetisch in Panik und wildes Herumgefuchtel ausbrachen, habe ich diese Plagegeister mit kalter Ignoranz gestraft.
Nun, die Zeiten ändern sich.
Denn mit dem Bienensterben wurde auch immer bekannter, welch große Bedeutung die Wespe als Bestäuber hat und welch unersetzlichen Beitrag sie zum Fortbestand unserer heimischen Flora leistet.
Damit wuchs mein Respekt und ich habe es in Gesprächen selten vermieden, darauf hinzuweisen, dass ich erstmalig ein beeindruckendes Wespennest auf der Gartenterrasse mein Eigen nenne.
Ich habe mir Fachliteratur zugelegt und habe daraus erfahren, dass Wespen niemals in der Nähe ihres Nestes aggressiv auftreten. Selbstverständlich sollte man sie nicht provozieren.
Aber die Einnahme von Kuchen oder diversem Grillgut,
würde nie zu größeren Ausschreitungen führen. Ich kann diese wissenschaftliche Erkenntnis nur unterstreichen. Es ist wahr.
Und ich begann, diese pussierlichen Tierchen zu lieben.
Jedes Einzelne. Ich habe ihnen Namen gegeben und dabei völlig vergessen, mir aus meiner Fachliteratur auch die Seite 2 zu Gemüte zu führen. Denn da steht, dass sich in diesen Lebewesen ein gewisser Charakterwechsel vollzieht, sobald sie ihre Brut versorgt haben und der Sommer sein Abschiedslied singt. Fritzi und Schorschi, über fast drei Monate waren sie mir ans Herz gewachsen. Wie lieblich sie mich umschwirrten und mich mit heiterem Gebrumme, freundlich grüßten. Brüderlich teilte ich Streußelkuchen und Nackensteak mit ihnen.
Und jetzt das: Fritzi sticht mich direkt in die rechte Handfläche und Schorschi erwischt mich auf der Kopfhaut.
Eine ganz neue Erfahrung für mich.
Ich bin tief gekränkt und verbittert.
Aber ich verspüre auch eine Wesensveränderung und ich brumme auch mehr, als jemals zuvor.
Ich schreibe Euch heute noch diese Zeilen und ich frage mich:
Was werde ich morgen sein?