Urvertrauen

15.01.16
Meine Mutter erzählt mir: „Stell Dir vor, da war jetzt schon wieder ein Bettler bei uns an der Tür.“ Darauf ich: „Was hast Du gemacht?“ meine Mutter: „Erst wollte er Geld, aber ich hab ihm nichts gegeben. Weil da sind doch überall diese Bettlerbanden unterwegs und die müssen ja eh alles abgeben…
Und dann hat er gemeint, es würde ihn frieren.“ Darauf ich: „Und Du?“ meine Mutter: „Ich hab gesagt: Moment! Hab die Tür abgeschlossen, bin in den Keller und hab vom Papa einen alten Mantel geholt. Hab die Tür wieder aufgesperrt und ihm gegeben.“ Darauf ich: „Und dann ist er wieder gegangen?“ meine Mutter: „Nein, er hat mir dann gestikuliert, dass er an den Kopf und an den Händen auch noch frieren würde. Hab ich die Tür abgeschlossen, bin zu unserm Winterschrank, hab Handschuh, Mützen und Schal geholt, hab die Tür wieder aufgesperrt und ihm gegeben.“ Ich muss zugeben, ich hab die ganze Zeit nur überlegt, was ich an ihrer Stelle gemacht hätte und hab gesagt: „Hast Du gar keine Angst gehabt? Du warst allein im Haus und Du bist nicht mehr die Jüngste.“ Darauf die Mama: „Du, der Mann hat sich so gefreut. Und dann hat er gemeint, seine Schuhe wären kaputt. Hab ich die Tür abgeschlossen…“ Sie hat ihm Schuhe gebracht, noch eine Hose, ein Hemd und einen Pulli. „Du, und der Mann war so glücklich. Und dann haben wir uns alle zwei so gefreut!…“
je länger sie mir das erzählte, umso beeindruckter war ich bzw. umso mehr wurde mir klar, dass ich wohl anders gehandelt hätte. Schlimme Szenarien spielten sich in meinem Kopf ab, was meiner Mutter alles hätte passieren können.
Aber schließlich war ich richtig stolz auf meine Mama. Es gibt noch ein Urvertrauen in das Gute im Menschen.