Überholmanöver

Es ist spät nachts. Ich fahre vom Auftritt heim. Eine sehr schmale, kurvige Straße. Tempolimit 80 km/h, absolutes Überholverbot. Ein Sprinterbus kommt von hinten an mich heran, blendet in mein Fahrzeug, versucht, sich in meinen Kofferraum zu schieben. Das gelingt nicht. Er beginnt, leichte Kurvenlinien zu fahren. Dann lässt er sich zurückfallen, um gleich darauf wieder zu versuchen, sich in meinen Kofferraum zu schieben. Schließlich setzt er den Blinker und beginnt zu überholen. In einer langgezogenen Kurve, im Wald, absolutes Überholverbot. Meine anfängliche Wut verwandelt sich jetzt in Angst und Panik. Da kommt Gegenverkehr, aus dem Nichts. Der Sprinterbus gibt noch einmal Vollgas und bringt sich in allerletzter Sekunde wieder vor mir in die Spur. Ich schwitze, ich zittere, atme tief durch und schüttle ungläubig den Kopf.
Der Sprinterbus vor mir, er bremst jetzt ab. Kennzeichen „HK“. Das heißt „Heidekreis“, das ist in Niedersachsen. Wir befinden uns kurz hinter Berchtesgaden. Der Sprinterbus bleibt stehen. Auf offener Strecke. Ich bleibe auch stehen. Er schaltet die Warnblinkanlage ein. Ich schalte die Warnblinkanlage ein.
Dem Sprinterbus entsteigt ein junger, dürrer Mann. Er hat eine Zigarette in der Hand und rennt auf mich zu. Ich kann es nicht fassen, lasse die Fensterscheibe runter und schalte mich auf Kriegsmodus. Der junge Mann steht vor mir. Nur Haut und Knochen, tiefe Augengräben, er schwitzt und zittert am ganzen Leib. Er hat Tränen in den Augen und brüllt mich an:
„Willst Du mich umbringen?!“ Ich bin sprachlos: „Bitte?“ „Wieso gibst Du Gas, wenn ich Dich überhole?!“ „Um Gotteswillen. Ich habe auf keinen Fall Gas gegeben.“ „Du hast Gas gegeben! Du wolltest mich töten!!“ Der junge Mann weint jetzt. Er ist nicht mehr aggressiv, er ist die pure Verzweiflung selbst. Ich merke, dass es wohl keinen Sinn macht, ihm meine Sicht der Dinge zu erklären. Ich sage nur, so entspannt ich kann: „Beruhigen Sie sich! Ich wollte Sie ganz sicher nicht töten. Machen Sie eine Pause.“ Der weinende Mann schleppt sich wieder in seinen Bus. Er fährt weiter. Nach ein paar Kilometern biegt er tatsächlich rechts ab, zu einen McDonalds. Wenigstens das.
Ich bin voller Mitleid, aber eigentlich bin ich stinksauer. Bis an sein Ende wird dieser Mann davon überzeugt sein, dass ich ihn töten wollte.