PassaufDu

Nach dem Auftritt. Wir haben schon alles gepackt und sind dabei, unsere Sachen im Auto zu verstauen. Da hören wir plötzlich lautes Geschrei auf der Straße. Eine Gruppe junger Burschen hat offenbar einen heftigen Disput. Sie kommen näher. Es wird lauter. Es wird nicht geschlägert, nur heftig gedroht und argumentiert. Die Situation ist sehr aufgeladen und steht knapp an der Schwelle zur Eskalation. Wir wollen uns noch gern mit unserem Techniker und dem Veranstalter unterhalten. Das ist leider nicht mehr möglich. Alles wird überbrüllt. Mein Musiker, der Martin, ist gelernter Sozialpädagoge und versucht zu deeskalieren, indem er zu einem jungen Mann sagt: „Also Respekt. Ich finde das sehr zivil, wie Ihr die Sache hier regelt.“ Ich bewundere ihn und finde das schlau, wie er das macht. Ich hätte womöglich gesagt: „Hört mal zu, Ihr zugedröhnten Dumpfbacken! Bevor Ihr Euch in die Fresse haut, geht doch bitte woanders hin.“ Aber nein, der Martin ist so intelligent, erst einmal von Respekt zu sprechen und die Herren zu loben, für ihre zivile Art des zwischenmenschlichen Umgangs. Leider entspannt er die Situation damit nicht so ganz. Der angesprochene junge Mann macht große Augen, nimmt eine bedrohliche Körperhaltung ein und meint: „Hey, pass auf was Du sagst! Da verstehen meine Kumpels echt keinen Spaß!“ Der Martin ist verblüfft: „Wie? Weil ich gesagt habe, dass ich Euch für sehr zivil halte?“ „Sag das Wort nicht. Da drehen meine Freunde voll durch!“ „Zivil?“ „Halt die Fresse!“ „Aber ich lobe doch nur Euren humanen Umgang miteinander.“ „Hey, bist Du schwul oder was?“ „Ich sagte ‚human‘ und nicht ‚homosexuell‘.“ „Vorsicht! Hey, Vorsicht!“ Der Martin gibt auf. Gott sei Dank. Ich halte ihn dazu an, sich doch möglichst zügig in unser Auto zu begeben und den Ort zu verlassen, bevor er sich die Sache nochmal anders überlegt. Ich bin mir sicher, wenn er noch weiter deeskaliert hätte, womöglich mit Begriffen wie, „friedvolle Verbalisierung“ oder „gewaltfreie Kommunikation“ etc., die Angelegenheit wäre echt nicht gut für uns ausgegangen.

Spaßwatschen

In der U-Bahn. Ich fahre vom Fußball-Stadion zurück zum Parkhaus. Mein Abteil ist fast leer. Die U-Bahn hält und zwei aufgeweckte,
junge Buben – ich schätze, zwischen 10 und 12 Jahren – steigen zu.
Sie lachen und haben offenbar einen riesen Spaß. Ein dritter Bub springt gerade noch in die Bahn, bevor sich die Türen schließen.
Er kommt bei seinen Freunden an und bekommt eine richtige Ohrfeige. Eine klassische Watschen. Mit der flachen Hand auf die Wange und zwar beeindruckend laut. Es soll wohl eine Art Begrüßung sein.
Alle drei Buben lachen. Einer hat jetzt eine feuerrote Wange.
Er lacht ebenfalls, wartet auf den richtigen Moment und schlägt zurück. Laut und hart. Alle drei lachen. Also keine Begrüßung, sondern eher ein Spiel. Ich bin sprachlos und versuche die Situation für mich zu sortieren. Die Schläge waren so laut, dass es mir nicht schwerfällt, das Brennen auf der Wange und das Surren im Kopf nachzuempfinden.
Ich hätte wohl auch zurückgeschlagen, aber mit weniger Freude.
Ein drittes Mal höre ich, wie eine Hand auf eine Wange klatscht und sehe, wie jetzt drei rotwangige Buben, mit Tränen in den Augen, in der U-Bahn stehen und mächtig amüsiert sind.
Ich bin mir nicht sicher, ob es Tränen des Schmerzes oder der Freude sind. Wahrscheinlich trifft beides zu. Sie bemerken mich und auch mein Staunen. Alle drei lachen mich an. Sie sehen meinen Fan-Schal und einer fragt mich: „Kommen Sie gerade vom Stadion.“ Ich höre mich antworten: „Ja.“ „Und? Hat Ihr Verein gewonnen?“ „Nein. Eins eins.“ „War es ein gutes Spiel?“ „Ging so.“
„Naja, dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.“
Das war irgendwie frech, aber doch ziemlich freundlich.
Ich bin noch irritierter als zuvor.
Während der Bub mit mir gesprochen hat, haben die anderen beiden ihre Handies gezückt und beschäftigen sich. Jetzt fängt sich einer eine weitere Ohrfeige. Wieder ist großer Spaß im Abteil. Die wenigen anderen Fahrgäste scheint das kaum zu beeindrucken. Bei jedem Klatschen zuckt man kurz zusammen. Das ist aber mehr ein Reflex und keine Aufmerksamkeit. Ich würde die drei jetzt doch gerne fragen, was das für ein Spiel sei und noch viel mehr würde mich interessieren, wie lange so ein Spiel dauert bzw. ob man so ein Spiel gewinnen kann.
Ich muss aussteigen und gehe zur Tür. Die Buben winken mir zu und verabschieden sich. Sehr freundlich.

Überholmanöver

Es ist spät nachts. Ich fahre vom Auftritt heim. Eine sehr schmale, kurvige Straße. Tempolimit 80 km/h, absolutes Überholverbot. Ein Sprinterbus kommt von hinten an mich heran, blendet in mein Fahrzeug, versucht, sich in meinen Kofferraum zu schieben. Das gelingt nicht. Er beginnt, leichte Kurvenlinien zu fahren. Dann lässt er sich zurückfallen, um gleich darauf wieder zu versuchen, sich in meinen Kofferraum zu schieben. Schließlich setzt er den Blinker und beginnt zu überholen. In einer langgezogenen Kurve, im Wald, absolutes Überholverbot. Meine anfängliche Wut verwandelt sich jetzt in Angst und Panik. Da kommt Gegenverkehr, aus dem Nichts. Der Sprinterbus gibt noch einmal Vollgas und bringt sich in allerletzter Sekunde wieder vor mir in die Spur. Ich schwitze, ich zittere, atme tief durch und schüttle ungläubig den Kopf.
Der Sprinterbus vor mir, er bremst jetzt ab. Kennzeichen „HK“. Das heißt „Heidekreis“, das ist in Niedersachsen. Wir befinden uns kurz hinter Berchtesgaden. Der Sprinterbus bleibt stehen. Auf offener Strecke. Ich bleibe auch stehen. Er schaltet die Warnblinkanlage ein. Ich schalte die Warnblinkanlage ein.
Dem Sprinterbus entsteigt ein junger, dürrer Mann. Er hat eine Zigarette in der Hand und rennt auf mich zu. Ich kann es nicht fassen, lasse die Fensterscheibe runter und schalte mich auf Kriegsmodus. Der junge Mann steht vor mir. Nur Haut und Knochen, tiefe Augengräben, er schwitzt und zittert am ganzen Leib. Er hat Tränen in den Augen und brüllt mich an:
„Willst Du mich umbringen?!“ Ich bin sprachlos: „Bitte?“ „Wieso gibst Du Gas, wenn ich Dich überhole?!“ „Um Gotteswillen. Ich habe auf keinen Fall Gas gegeben.“ „Du hast Gas gegeben! Du wolltest mich töten!!“ Der junge Mann weint jetzt. Er ist nicht mehr aggressiv, er ist die pure Verzweiflung selbst. Ich merke, dass es wohl keinen Sinn macht, ihm meine Sicht der Dinge zu erklären. Ich sage nur, so entspannt ich kann: „Beruhigen Sie sich! Ich wollte Sie ganz sicher nicht töten. Machen Sie eine Pause.“ Der weinende Mann schleppt sich wieder in seinen Bus. Er fährt weiter. Nach ein paar Kilometern biegt er tatsächlich rechts ab, zu einen McDonalds. Wenigstens das.
Ich bin voller Mitleid, aber eigentlich bin ich stinksauer. Bis an sein Ende wird dieser Mann davon überzeugt sein, dass ich ihn töten wollte.

Frühstückscafe

Hübsche junge Menschen trinken Cappuccino, unterhalten sich oder schauen gelangweilt in ihr Handy. Der Tag hat noch nicht richtig begonnen, man hängt in den Startlöchern und genießt es. Da betritt eine Gruppe von sehr wachen Rentnerinnen den Raum. Offenbar eine Touristengruppe, schon länger unterwegs, auf der Suche nach Kaffee und Kuchen. Fünf alte Frauen stehen mitten unter vielen sitzenden jungen Leuten und sehen sich um. Die Jungen sehen die Alten irritiert an
und fühlen sich in ihrer angenehmen Lethargie gestört.
„Was wollen die denn da?“
Schweigen im Raum, jeder schaut verstohlen hinter seiner Zeitschrift oder einem Display hervor.
Eine alte Dame bricht schließlich das Schweigen und meint: „Elfriede, hier gibt’s nur hohe Stühle!“
In der Tat. Im ganzen Raum befinden sich nur Barhocker,
an hohen Tischen. Ein schlechtes Gewissen beschleicht die Jugend. „Im Nebenraum gibt’s auch nur hohe Stühle und Tische!“ sagt eine andere alte Dame. Sie sagt das nicht beleidigt oder empört, sondern eher traurig feststellend.
Die Kuchen in der Vitrine sehen echt verlockend aus.
Zu gerne möchte man den süßen Omis etwas davon geben.
Ich überlege, ob ich anbieten sollte,
die Damen auf die Hocker zu hieven.
„Und die Hocker haben auch keine Rückenlehne!“
sagt eine weitere Dame. Ja klar. Was hilft es, wenn die da sitzen und dann doch irgendwann rückwärts vom Stuhl rutschen. „Schade, die Kuchen sehen wirklich gut aus.“
Ich wünsche mir eine Säge, Hammer und Nägel.
Ich möchte die Hocker umbauen, zu kleinen, gemütlichen Hockern mit Rückenlehne, die Sitzflächen polstern und die Armlehnen mit edlem Brokat besticken.
Da endlich, eine schöne junge Gästin weiß offenbar die Lösung: „Gehen Sie doch ganz nach hinten durch. Da stehen normale Tische und Stühle.“ Die Damen und die jungen Gäste atmen auf. Endlich wieder ein gutes Gewissen.
Da kommt die junge, hübsche Bedienung und meint:
„Den hinteren Raum hab ich abgesperrt. Ich bin heute ganz allein im Service. Ich schaff das sonst leider nicht. Sorry.“
Die Damen entschuldigen sich höflich für die Störung, verabschieden sich freundlich und gehen. Ein scheiß Gefühl!

support-act

Es war eine sehr schöne Vorstellung. Ich war mit mir und der Welt zufrieden und wollte mich mit ein paar Kollegen und Freunden ins Foyer setzen, um noch ein bißerl zu ratschen und den Abend ausklingen zu lassen.
Da kommt ein alter Bekannter mit seiner Freundin auf mich zu. Er begrüßt mich sehr herzlich, aber noch herzlicher begrüßt mich seine Freundin. Sie fällt mir um den Hals, mit einem irritierenden Überschwang, aber ich freue mich und lasse mir ihre Begeisterung gerne gefallen.
Man sei gerade zufällig am Theater vorbeigekommen und wollte nur mal schauen, wer da heute spielt. Umso erfreulicher sei es, dass man gerade mich hier anträfe, nach so langer Zeit.
Ich schau mir die Freundin meines Bekannten an und beginne zu grübeln: „Schon wieder! Schon wieder jemand, der mich gut kennt. Und ich kann mich an nix erinnern.“ Sie schaut mich erwartungsvoll an. „Ja, kennst mich nicht mehr?“ Ich bin in der Defensive und meine: „Tut mir leid. Bitte hilf mir!“
„Na, die Susi, kennst mich nicht mehr?“ Ich kenne sie nicht mehr. Aber ich müsste sie unbedingt kennen, verrät mir ihr durchdringender und jetzt doch leicht enttäuschter Blick.
Die Sache beginnt, mir sehr peinlich zu werden.
Auch ihr Freund, mein Bekannter, schaut mich fassungslos an.
„Aber das gibt’s doch nicht.“ Sagt sie. „Am Frühlingsfest vor ein paar Jahren, mein Freund war auch dabei.“ Jetzt rattern die Mühlen in meinem Kopf, dass man sie fast schon hören kann.
„Wir haben doch miteinander geschmust, Du und ich.
Weißt Du das nicht mehr?“
Bumm!! Das ist jetzt echt der Hammer!
„Wann soll das gewesen sein?“ frage ich und sie nennt mir eine Jahreszahl und zählt mir Namen auf, von Leuten, die ich tatsächlich kenne und die angeblich mit mir und ihr einen Abend in einem Bierzelt verbracht hätten. Irgendwann soll ich wild mit dieser Susi herumgeknutscht haben.
Mir fällt nix mehr ein und ich denke kurz an eine versteckte Kamera, aber Susi bleibt absolut glaubhaft. Sie beschreibt mir sogar, wie gut ich küssen und wie oft sie daran zurückdenken würde. Ich versinke in einem Meer von Peinlichkeit und Selbstzweifeln und beginne, mich zu entschuldigen. Die ganze Angelegenheit zieht sich über eine viertel Stunde.
Da wechselt sie plötzlich die Stimmung, lacht und meint:
„War alles ein Quatsch. Stimmt alles nicht. Beruhig Dich.
Ich bin eigentlich wegen etwas ganz anderem da.
Ich würde gerne in der Kabarett- und Comedy-Szene etwas Fuß fassen und da wollte ich Dich fragen, ob Du mich da nicht irgendwie unterstützen könntest…“