Hexenröhrling

So viel vorne weg: ich weiß, dass Pilze noch immer belastet und verstrahlt und giftig sind und überhaupt: Zecken! Überall Zecken! Oder besser gesagt: Borrelien, mit Kopf und Beinchen. Das alles weiß ich.
Aber ich bin nun mal von Kindesbeinen infiziert, mit diesem Schwammerlsuchervirus und da lässt sich nichts dagegen machen. Sobald der Sommer sich verabschiedet, die Feuchtigkeit in den Boden zurückkehrt und nur noch vereinzelte warme Strahlen auf ihn fallen, da muss ich hinaus. Hinaus in die Wälder, zu meinen geheimen Plätzen,
zu meinen Schätzen. Und es gibt gerade richtig viele.
Mehr denn je, habe ich den Eindruck. In allen Zeitungen sieht man Bilder von breit grinsenden, stolzen Pilzsuchern,
mit ihrer fetten Ernte. Das führt zu Konkurrenz! In sämtlichen Waldeinfahrten stehen kleinere und größere Rentnerautos! Zugeparkte Forstwege, überall!! Und alle sind sie vor mir da! Und sie alle kennen offensichtlich meine geheimen Plätze.
Alles abgegrast, wenn ich komme. Steinpilz, Maronenröhrlinge, Perlpilz, Rotkappen… nur ein spärlicher Rest von alten,
maden- und schneckenbefallenen Exemplaren bleibt mir.
Vielleicht sollte ich mal wieder vor 15.00 Uhr in den Wald gehen? Oder campieren, und mit den ersten Sonnenstrahlen die frischen Schätze einfahren? Ist mir alles zu blöd.
Ich habe eine bessere Lösung gefunden. Eher zufällig.
Die Lösung ist der Tatsache geschuldet, dass die meisten Pilzsucher eben nur die oben genannten Schwammerlarten kennen. Alles andere lassen sie stehen. Und darunter befindet sich ein Exemplar, von höchster Qualität. Ich habe ihn erst kürzlich entdeckt. Ein Edelpilz von Format und größter Schmackhaftigkeit. Der „flockenstielige Hexenröhrling“.
Das klingt abstoßend und hoch gefährlich.
Es sei hier noch erwähnt, dass er eine hässlich bläuliche Färbung annimmt, wenn man ihn aufschneidet.
Uaahahaha! Lasst ihn ruhig stehen! Ich kümmere mich darum!

alte Schulkameraden

Wir sind nicht direkt miteinander in die gleiche Klasse gegangen, aber wir haben in unserer Schulzeit doch die ein oder andere Aktion gemeinsam unternommen. Und ich möchte sagen: es war immer lustig, inspirierend und teilweise sogar wegweisend für mich. H. wohnt in meiner Stadt und vor knapp 10 Jahren habe ich ihn erstmals wiedergesehen bzw. überraschend ist er wieder aus der Vergangenheit aufgetaucht. Ich habe mich sehr gefreut, ihn herzlichst begrüßt und wollte schon zu einem heiteren Plausch ansetzen, da lässt der mich voll abfahren. Ignoriert mich, schaut weg, behandelt mich wie Luft.
Seit über 10 Jahren denke ich mir: „Was ist das nur für ein Arschloch geworden, der H.?“
Läuft rum, aufgepumpt vom Fitnessstudio, coole Hiphop-Klamotten, peinlicher Jugend-style und meint, er müsse mich nicht mal mehr grüßen, dieser arrogante Sack.
Manchmal sitzt H. sogar mit anderen Bekannten von mir an einem Tisch. Ich setze mich dazu. Es ist unangenehm, aber ich halte das aus.
Wahrscheinlich hat er ein paar Sachen von mir im Fernsehen gesehen oder was von mir gelesen. Sicher fand er das total unterirdisch. Ich finde wirklich auch nicht alles großartig, was ich so produziere, aber muss man mich gleich mit einer solchen Hochnäsigkeit abstrafen? Mich stresst das, seit Jahren.

Nun hat mich am letzten Wochenende ein Freund zu einem kleinen Fest eingeladen, mit dem Hinweis, dass auch H. mit von der Partie sein würde. Ich dachte mir: „O.k., ich geh da hin. Das lass ich mir von H. jetzt nicht auch noch nehmen.“ Ich komme also auf der Party an und mein Freund begrüßt mich mit den Worten: „Darf ich Dir vorstellen: das ist H.. Ihr kennt Euch ja von früher, von der Schule.“ Ich schau mir diesen H. an und stelle fest: das ist nicht H.. Zumindest nicht der, den ich seit über 10 Jahren hasse. H. fängt sofort an, mit mir über alte Zeiten zu reden, ist super nett, hat eine leichte Wampe und ist mindestens so witzig, wie damals. Mir wird immer bewusster, dass ich H. über 10 Jahre mit einer völlig anderen Person verwechselt hatte. Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, aber irgendwie hat mich diese Erkenntnis dann doch sehr erleichtert und ich konnte den Abend richtig genießen.

Heute habe ich diesen falschen H. in der Stadt wieder gesehen. Wie immer ist er mit gesenktem Blick an mir vorbeigeschlurft. Mir fiel auf, dass seine ganze Attitüde, die ich immer für sehr arrogant hielt, doch eher unsicher wirkte.
Und dann wurde mir klar, dass er eigentlich nie anders an mir vorübergezogen ist. Schüchtern, ja beinah ängstlich. Vielleicht liegt das daran, dass ich ihm so oft direkt ins Gesicht geschaut habe und ihn namentlich begrüßt habe,
mit der Haltung: „Ich halt das aus, Du eingebildeter H.. Ich bin stärker also Du!“ Mir wird immer deutlicher, dass dieser Mensch – wer auch immer er sein mag – sich wohl über 10 Jahre vor mir gefürchtet hat.
Ich will das jetzt richtigstellen. Oder ich lass es lieber.
Oder,… verdammt, ich bin völlig überfordert!

Wespen

Jahrelang habe ich diese Tiere zutiefst verachtet.
Ich war davon überzeugt, dass sie keinerlei Nutzen für die Umwelt haben und einzig zu dem Zweck auf Erden verweilen, mir meinen Zwetschgendatschi vor der Nase wegzufressen.
Ich betone: ich habe sie nie gefürchtet, ich habe sie schlichtweg verachtet. Während andere am Kaffeetisch in Panik und wildes Herumgefuchtel ausbrachen, habe ich diese Plagegeister mit kalter Ignoranz gestraft.
Nun, die Zeiten ändern sich.
Denn mit dem Bienensterben wurde auch immer bekannter, welch große Bedeutung die Wespe als Bestäuber hat und welch unersetzlichen Beitrag sie zum Fortbestand unserer heimischen Flora leistet.
Damit wuchs mein Respekt und ich habe es in Gesprächen selten vermieden, darauf hinzuweisen, dass ich erstmalig ein beeindruckendes Wespennest auf der Gartenterrasse mein Eigen nenne.
Ich habe mir Fachliteratur zugelegt und habe daraus erfahren, dass Wespen niemals in der Nähe ihres Nestes aggressiv auftreten. Selbstverständlich sollte man sie nicht provozieren.
Aber die Einnahme von Kuchen oder diversem Grillgut,
würde nie zu größeren Ausschreitungen führen. Ich kann diese wissenschaftliche Erkenntnis nur unterstreichen. Es ist wahr.
Und ich begann, diese pussierlichen Tierchen zu lieben.
Jedes Einzelne. Ich habe ihnen Namen gegeben und dabei völlig vergessen, mir aus meiner Fachliteratur auch die Seite 2 zu Gemüte zu führen. Denn da steht, dass sich in diesen Lebewesen ein gewisser Charakterwechsel vollzieht, sobald sie ihre Brut versorgt haben und der Sommer sein Abschiedslied singt. Fritzi und Schorschi, über fast drei Monate waren sie mir ans Herz gewachsen. Wie lieblich sie mich umschwirrten und mich mit heiterem Gebrumme, freundlich grüßten. Brüderlich teilte ich Streußelkuchen und Nackensteak mit ihnen.
Und jetzt das: Fritzi sticht mich direkt in die rechte Handfläche und Schorschi erwischt mich auf der Kopfhaut.
Eine ganz neue Erfahrung für mich.
Ich bin tief gekränkt und verbittert.
Aber ich verspüre auch eine Wesensveränderung und ich brumme auch mehr, als jemals zuvor.
Ich schreibe Euch heute noch diese Zeilen und ich frage mich:
Was werde ich morgen sein?

der beste Platz

28.08.2018

Ich stelle hier gleich einmal klar: in diesem Sommer habe ich den schönsten See, mit dem besten Liegestrand und dem tollsten Kiosk entdeckt. Alle Menschen, die ich dort treffe, sind ähnlich begeistert, wie ich. Gespräche beginnen hier ausnahmslos mit den Worten:
„Schön ist es heute wieder…“ Man stelle sich das einmal vor: man geht hier einfach nur hin und badet und legt sich anschließend auf die Wiese. Dort ruht man sich aus oder man unterhält sich.
Kein Optimierungswahn, keine Freizeithektik.
Stand-up-paddling ist hier untersagt,
man sieht kaum Schlauchboote, keine Slackline
und Strandmuschelzelte sind hier nur sehr vereinzelt präsent.
Ich mag keine Strandmuschelzelte, weil sie den Blick nur in eine Richtung freigeben.
Das sind Scheuklappen zum Reinsetzen.
Der gute alte Sonnenschirm ermöglicht freie Ein- und Aussicht zu allen Seiten, demonstriert Weltoffenheit und verhindert die Überwachung aus dem Weltall.
Ach, dieser See! Einen besonderen Zauber hat er ab dem späten Nachmittag, wenn sich die Urlauber langsam in ihre Pensionen zurückziehen.
Urlauber finde ich fast noch schlimmer als Strandmuschelzelte.
Weil die einfach mal eben bei uns Ferien machen und auf Anhieb an diesem tollen Platz landen. Ich lebe hier, seit ich mich kenne und habe beinah 50 Jahre gebraucht, die gleiche Stelle zu finden. Das ist nicht gerecht. Ich verabscheue diese Urlauber im selben Maß, wie Pilzsucher, die mal eben für eine halbe Stunde in den Wald gehen und dann mit einem Korb voll herrlichster Steinpilze wieder herauskommen. Das ist keine Pilz-Suche, das ist Pilz-Ernte. Wobei Pilzsucher immerhin einen Ehrenkodex haben, der ihnen verbietet, ihre geheimen Plätze anderen zu verraten. Die guten Schwammerlplätze werden nur vom Vater an den Sohn weitergegeben. Ich hoffe doch sehr, dass es bei den Urlaubern und meinem See ähnlich verlaufen wird. Da fällt mir ein: mein Vater hat mir eröffnet, dass er den See und den Strand und den Kiosk schon lange kennt. Er hat es aber nie an mich weitergegeben. Ich bin entsetzt. Wahrscheinlich kennt er auch ein paar gute Schwammerlplätze… und ich irre durch mein Leben und muss mir alles selber suchen. Morgen kommt er zum Grillen. Da werde ich ihm was braten.

Jeder unter sich

Ihr kennt das sicher auch.
Ihr sitzt den ganzen Tag vor dem Computer und irgendwann denkt Ihr Euch: „Meine Augen sind müde, Kaffee hatte ich für heute genug… ich glaube, jetzt wird’s für mich mal Zeit, den Partner fürs Leben zu finden und eine Familie zu gründen.
Das ist gut für meine Work-Life-Balance.“
Wenn Ihr nämlich Familie habt, dann lebt Ihr,
rein statistisch gesehen, fünf Jahre länger.
Und diese fünf Jahre könnt Ihr dann wieder,
nach Lust und Laune, am Computer ausleben.

Ihr schaut also ins Internet und dort findet Ihr den richtigen Partner, trefft den im Cafe und dann sagt der:
„Die Kondensstreifen von den Flugzeugen sind übrigens ein klarer Beweis dafür, dass uns die Regierung vergiften will!“
Was machst Du dann?

Richtig.
Du setzt Dir ein Hütchen aus Alufolie auf und sagst:
„Damit mich niemand telepathisch ausbeuten kann.“
Dann ist Dein Partner glücklich und sagt: „Juhu,
endlich mal jemand, der mich nicht für verrückt erklärt.“
Und Du denkst Dir: „O.K. für eine Nacht mach ich den Schwachsinn mit. Aber die Familie werde ich verhüten.“

Es gibt jetzt ein neues Partnerportal, gegründet von einem sympathischen jungen Pärchen aus Amerika. Dieses Portal nennt sich „Awake dating“. Es verkuppelt sämtliche Leute, die an Chemtrails und Alufolie glauben. Ich finde das toll. Ihr müßt also nicht mehr humorvoll sein, unternehmungslustig oder gar kinderlieb. Es reicht völlig, wenn Ihr alle, die Eure Überzeugung nicht teilen, für weltfremd und uninformiert haltet. Da gibt’s inzwischen tatsächlich viele potentielle Partner, die das sexy finden. Das finde ich richtig fein. Aber bitte, bleibt unter Euch!