Spaßwatschen

In der U-Bahn. Ich fahre vom Fußball-Stadion zurück zum Parkhaus. Mein Abteil ist fast leer. Die U-Bahn hält und zwei aufgeweckte,
junge Buben – ich schätze, zwischen 10 und 12 Jahren – steigen zu.
Sie lachen und haben offenbar einen riesen Spaß. Ein dritter Bub springt gerade noch in die Bahn, bevor sich die Türen schließen.
Er kommt bei seinen Freunden an und bekommt eine richtige Ohrfeige. Eine klassische Watschen. Mit der flachen Hand auf die Wange und zwar beeindruckend laut. Es soll wohl eine Art Begrüßung sein.
Alle drei Buben lachen. Einer hat jetzt eine feuerrote Wange.
Er lacht ebenfalls, wartet auf den richtigen Moment und schlägt zurück. Laut und hart. Alle drei lachen. Also keine Begrüßung, sondern eher ein Spiel. Ich bin sprachlos und versuche die Situation für mich zu sortieren. Die Schläge waren so laut, dass es mir nicht schwerfällt, das Brennen auf der Wange und das Surren im Kopf nachzuempfinden.
Ich hätte wohl auch zurückgeschlagen, aber mit weniger Freude.
Ein drittes Mal höre ich, wie eine Hand auf eine Wange klatscht und sehe, wie jetzt drei rotwangige Buben, mit Tränen in den Augen, in der U-Bahn stehen und mächtig amüsiert sind.
Ich bin mir nicht sicher, ob es Tränen des Schmerzes oder der Freude sind. Wahrscheinlich trifft beides zu. Sie bemerken mich und auch mein Staunen. Alle drei lachen mich an. Sie sehen meinen Fan-Schal und einer fragt mich: „Kommen Sie gerade vom Stadion.“ Ich höre mich antworten: „Ja.“ „Und? Hat Ihr Verein gewonnen?“ „Nein. Eins eins.“ „War es ein gutes Spiel?“ „Ging so.“
„Naja, dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.“
Das war irgendwie frech, aber doch ziemlich freundlich.
Ich bin noch irritierter als zuvor.
Während der Bub mit mir gesprochen hat, haben die anderen beiden ihre Handies gezückt und beschäftigen sich. Jetzt fängt sich einer eine weitere Ohrfeige. Wieder ist großer Spaß im Abteil. Die wenigen anderen Fahrgäste scheint das kaum zu beeindrucken. Bei jedem Klatschen zuckt man kurz zusammen. Das ist aber mehr ein Reflex und keine Aufmerksamkeit. Ich würde die drei jetzt doch gerne fragen, was das für ein Spiel sei und noch viel mehr würde mich interessieren, wie lange so ein Spiel dauert bzw. ob man so ein Spiel gewinnen kann.
Ich muss aussteigen und gehe zur Tür. Die Buben winken mir zu und verabschieden sich. Sehr freundlich.