Pisteneldorado

Herrschaften, wir werden auch in diesem Jahr vergeblich auf eine weiße Weihnacht warten. Deshalb will ich uns trösten, mit einer Geschichte aus längst vergangenen Tagen.

Winter 1979

Meine Schiwelt, mein Pisten-eldorado, mein Funpark,
er hieß: Pilartzberg.
Dort fanden die waghalsigsten Abfahrtsläufe statt,
die schwierigsten Slalompassagen und vor allem gab es dort Sprungschanzen. Beeindruckende Sprungschanzen.

Dazu muss man sagen: Beim Pilartzberg handelt es sich um einen Moränenhügel, wie es sie zu tausenden im Alpenvorland gibt.
Die Schi-und Schlittenpiste ist knapp 100 Meter lang
und hat ein Gefälle, das gerade mal ausreicht, um vorwärts zu kommen, ohne zusätzlich anschieben zu müssen.
Aber bei vereister Piste und gut gewachsten Schiern,
kann man doch eine ganz beachtliche Geschwindigkeit erreichen.
Und wenn man von ganz oben startet,
hat man sogar noch ein etwa 20 Meter langes Steilstück,
mit dem man ordentlich Geschwindigkeit aufnehmen kann.

Ich bin 9 Jahre alt und ich habe Großes vor.
Den Plan habe ich über viele Wochen genau ausgearbeitet und in meinem Kopf abgespeichert. An dem Tage, an dem der Himmel die erste weisse Pracht auf die Erde herunterläßt, werde ich die Sache in Tat umsetzen und eben dieser Tag ist heute.
Eine Sprungschanze werde ich erbauen.
Direkt unterhalb dem oben genannten Steilstück.
Ein Prachtbau wird es sein.

Noch bin ich allein am Berg.
Bald werden meine Freunde auftauchen und dann sollen sie ein Meisterwerk vorfinden.
Die höchste und beste Schanze, die dieser Berg bisher gesehen hat, soll es werden. Bald wird man die „Vierschanzentournee“ auf eine fünfte Schanze erweitern. Ich baue sie aber nicht nur hoch,
nein, ich baue sie vor allem steil, sehr sehr steil.
Denn weit will ich springen. Fliegen will ich und nicht landen,
wenn mich die Schwerkraft dazu zwingt.
Nein, ich will erst landen, wenn ich es gestatte.
Wenn meine Freunde kommen, sollten sie vor Ehrfurcht erstarren.

Meine Freunde kommen aber nicht und so baue ich weiter und immer höher. Bald wird mein Plan zur Gänze umgesetzt und die Schanze so hoch sein, dass die Anlaufgeschwindigkeit nicht mehr ausreichen wird, um den Scheitelpunkt der Schanze zu erreichen.
Im Radius von 50 Metern liegt praktisch kein Schnee mehr auf der Wiese. Bald zieht sich nur noch ein weißes Band über einen matschigen, grün-bräunlichen Moränenhügel. Vereinzelt kommt auch der Mist wieder zum Vorschein, der von den Bauern kurz vor dem ersten Schneefall auf den Wiesen ausgebracht wurde.

Höchste Zeit also, für einen ersten Testsprung.
Entschlossen stapfe ich mit meinen Schiern seitlich die 20 Meter Steilstrecke hinauf. Tapfer kämpfe ich mich vor zum Gipfel.
Sir Edmund Hillary Altinger hat ihn erreicht, ohne Sauerstoffgerät. Den höchsten Punkt des Mount Pilartz.
Noch in vielen Jahren wird der letzte Steilabschnitt den Namen „Altinger-Step“ tragen.
Ich schaue hinunter zum Basislager und sehe sie: Die Schanze.
Meine Schanze.

Auch aus dieser Entfernung wirkt sie noch verdammt groß.
Geradezu furchteinflößend.
Aber wie wird das aussehen, wenn bald meine Freunde kommen,
die Riesenschanze sehen und sofort feststellen: da ist keine Anlaufspur, keine Landespur… da ist kein Mensch jemals gesprungen. Nur der feige Altinger sitzt daneben im grün-bräunlichen Mist-Matsch und spuckt große Töne.

Es ist weniger der Mut, als vielmehr die Angst vor der Blamage,
die mich dazu bringt, den Anlauf zu starten.
Schnell bin ich schneller, als ich mir das wünschen kann.
Die Absprungkante rast regelrecht auf mich zu.
Ich überlege noch kurz, ob ich mit den Schiern in eine Pflughaltung gehen sollte, um etwas abzubremsen oder mich einfach seitlich hinfallen lassen sollte. Aber beides wird peinliche Spuren im Schnee hinterlassen und diesen Triumph will ich meinen Freunden keinesfalls gönnen. Also erreiche ich ungebremst die Absprungkante und ich fliege und fliege…

Als ich wieder zu mir komme,
liege ich etwa einen halben Meter hinter meiner Schanze.
Ich muss ziemlich lange in der Luft gewesen sein.
Oder ich war einfach doch eine längere Zeit bewusstlos.
Denn jetzt stehen meine Freunde um mich herum
und starren mich an. Sprachlos starren sie mich an.
Und dann lachen sie. Sie wollten erst sicher gehen,
dass ich noch am Leben bin und jetzt erst sind sie bereit,
ihrer Belustigung freien Lauf zu lassen.

Der Brandl Stefan hat meinen Sprung nämlich aus einiger Entfernung gesehen, als er auf den Pilartzberg zustapfte.
Es muss ein beeindruckender Anblick gewesen sein.
Die Schanze ist, wiegesagt, sehr steil.

Ich hatte in der Schule noch keinen Physikunterricht,
folglich habe ich null Ahnung von Einfalls- und Ausfallswinkeln
bzw. von irgendwelchen Fallgesetzen nach Newton.
Also schoss ich, laut der Aussage vom Brandl Stefan,
vertikal in die Höhe, wobei meine Gliedmaßen unkontrolliert durch die Luft schlackerten.
Ähnlich einem Frosch, den man in die Luft wirft.
Dann drehte ich mich offenbar einmal um 180 Grad,
stürzte im gleichen Winkel nach unten, indem ich aufgestiegen war
und landete direkt auf meinem Kopf.

Der Brandl Stefan bescheinigt mir, dass ich wirklich nicht weit gesprungen bin. Aber hoch, sehr hoch.
Meine Flughöhe wäre für die Vierschanzentournee in jedem Fall tauglich gewesen, meint er, mit fachmännischem Unterton.

Irgendwie macht mich das stolz.
Mir ist schwindlig, mir ist schlecht, aber ich habe beeindruckt.
Zwar auf sehr komische Weise, aber immerhin.
Leicht benommen schleppe ich mich nach Hause.
Meine Mutter schaut in mein bleiches Gesicht und ich erzähle ihr,
was der Brandl Stefan beobachtet hat.

Sie glaubt mir kein Wort. Man muss dazu sagen, dass ich schon immer diese leichte Neigung zu Übertreibungen hatte.
Aber in diesem Fall ist es ja nicht meine Aussage,
sondern die, eines Spielkameraden. Meiner Mutter ist das egal.
Außerdem ist sie sauer auf mich, weil ich mich um meine Hausaufgaben gedrückt habe
und gleich nach dem Mittagessen zum Pilartzberg rannte,
weil da angeblich schon alle Freunde auf mich warteten.

Aber alles andere ist die Wahrheit, die reine Wahrheit.
Ich bin froh, dass ich diese Geschichte nach so vielen Jahren zu Papier bringen kann, denn die Nachwelt wird mir glauben,
weil es niemanden gibt, der diese Geschichte anders erzählen würde.
Außer vielleicht, der Brandl Stefan.