Meister Isegrim

Unser Igel ist tot. Ich bin hin- und hergerissen. Ich finde das nämlich wahnsinnig albern, wegen einem Kleintier grübelig zu werden, ja, sogar in eine gewisse Trauer zu fallen. Die Welt hat momentan echt andere Probleme. Alles wackelt. Trump, Putin, Erdogan,… alle versuchen, uns ihre Lügen als neue Wahrheiten aufzutischen. Aber unser Igel ist tot. Dabei kannte ich ihn gar nicht mal so richtig. Er hat nicht mal einen Namen. Er war einfach nur „unser Igel“. Es reichte, ihn zu hören, wie er in lauen Sommernächten grunzend und schnaubend unter unseren Gartensträuchern herumtapste. Was waren wir jedes Mal verzückt, wenn wir seine Geräusche hörten. Keine schönen Geräusche. Ehrlichgesagt, widerlich. Aber die Tatsache, dass das ein ganz kleines Tier ist, das so große Geräusche macht, hat uns restlos begeistert.
Wir saßen auf der Terrasse und ahmten ihn nach. So lange, bis die Nachbarn anriefen und fragten, ob alles in Ordnung sei.
Gestern lag er vor unserer Einfahrt.
Leider kein Trump, kein Putin, kein Erdogan…
Unser Igel, tot. Damit keine falschen Bilder im Kopf entstehen:
Er wurde nicht überfahren. Schon gar nicht von mir.
Er lag da nur, äußerlich unversehrt, als hätte er sich von selbst genau da hingelegt. Damit wir ihn ja nicht übersehen, wenn wir nach Hause kommen.
Oder vielleicht hat ihn jemand da hingelegt? Vielleicht ist es auch gar nicht unser Igel. Vielleicht wurde er da hingelegt, um uns vom Rest der Welt abzulenken.
Ich warte auf die nächste laue Sommernacht. Wenn es unter den Sträuchern wieder schmatzt, rülpst und furzt, dann bin ich mit der Welt versöhnt. Gott, ist das albern!