Herr und Frau S

21.04.16
Herr und Frau S waren pünktlich. Um 19.30 Uhr würde die Veranstaltung beginnen. So stand es auf der Eintrittskarte. Also war man auch um 19.30 Uhr anwesend. Naja, vielleicht doch 5 Minuten später. Aber keinesfalls könnte man von einer Verspätung sprechen. Unverschämt war aber eindeutig der Veranstalter, der gerade dabei war, die Plätze von Herrn und Frau S an andere Leute zu vergeben. Auch die Bedienung war nur gespielt freundlich, als sie, sichtbar gehetzt, noch zwei Getränke an den Tisch brachte.
Bereits zu diesem Zeitpunkt hatten Herr und Frau S beschlossen, dass sie diesbezüglich noch für ein Nachspiel sorgen würden.
Dann die Vorstellung. Kabarett sollte das sein. Lächerlich. Unter Kabarett verstehen Herr und Frau S aber nun wirklich etwas anderes.
Viel Gelächter, großer Applaus.
Herr und Frau S sind sich sicher, die einzigen Menschen im Saal gewesen zu sein, die über Bildung und Hirn verfügen.
Mit verschränkten Armen vor der Brust und finsterer Miene versuchten sie,
dem Künstler seinen wahren Wert zu signalisieren.
Der Saal war leicht erleuchtet. Er musste sie gesehen haben.
Großer Schlussapplaus, Getrampel und Gepfeife. Blödes Volk!
Herr und Frau S gingen zum Veranstalter und versicherten ihm, dass das wohl das dümmste und letzte war, was je auf einer Bühne dargeboten wurde.
Sowohl Künstler, als auch das Publikum, sollte man einfach verbieten.
Kein Trinkgeld für die Bedienung! Das versteht sich ja wohl von selbst.

Nun sind Herr und Frau S zu hause. Sie liegen sanft und weich im Bett, in ihren Kissen. Da dreht sich Herr S zu seiner Frau und sagt:
„Dass wir uns auch nach über 40 Jahren Ehe so einig sind, das hat schon was.
Das war wieder ein sehr schöner Abend mit Dir, mein Schatz!“
Er küsst sie auf die Stirn. Sie küsst ihn auf die Stirn.
Beide schlafen zufrieden ein.