alte Schulkameraden

Wir sind nicht direkt miteinander in die gleiche Klasse gegangen, aber wir haben in unserer Schulzeit doch die ein oder andere Aktion gemeinsam unternommen. Und ich möchte sagen: es war immer lustig, inspirierend und teilweise sogar wegweisend für mich. H. wohnt in meiner Stadt und vor knapp 10 Jahren habe ich ihn erstmals wiedergesehen bzw. überraschend ist er wieder aus der Vergangenheit aufgetaucht. Ich habe mich sehr gefreut, ihn herzlichst begrüßt und wollte schon zu einem heiteren Plausch ansetzen, da lässt der mich voll abfahren. Ignoriert mich, schaut weg, behandelt mich wie Luft.
Seit über 10 Jahren denke ich mir: „Was ist das nur für ein Arschloch geworden, der H.?“
Läuft rum, aufgepumpt vom Fitnessstudio, coole Hiphop-Klamotten, peinlicher Jugend-style und meint, er müsse mich nicht mal mehr grüßen, dieser arrogante Sack.
Manchmal sitzt H. sogar mit anderen Bekannten von mir an einem Tisch. Ich setze mich dazu. Es ist unangenehm, aber ich halte das aus.
Wahrscheinlich hat er ein paar Sachen von mir im Fernsehen gesehen oder was von mir gelesen. Sicher fand er das total unterirdisch. Ich finde wirklich auch nicht alles großartig, was ich so produziere, aber muss man mich gleich mit einer solchen Hochnäsigkeit abstrafen? Mich stresst das, seit Jahren.

Nun hat mich am letzten Wochenende ein Freund zu einem kleinen Fest eingeladen, mit dem Hinweis, dass auch H. mit von der Partie sein würde. Ich dachte mir: „O.k., ich geh da hin. Das lass ich mir von H. jetzt nicht auch noch nehmen.“ Ich komme also auf der Party an und mein Freund begrüßt mich mit den Worten: „Darf ich Dir vorstellen: das ist H.. Ihr kennt Euch ja von früher, von der Schule.“ Ich schau mir diesen H. an und stelle fest: das ist nicht H.. Zumindest nicht der, den ich seit über 10 Jahren hasse. H. fängt sofort an, mit mir über alte Zeiten zu reden, ist super nett, hat eine leichte Wampe und ist mindestens so witzig, wie damals. Mir wird immer bewusster, dass ich H. über 10 Jahre mit einer völlig anderen Person verwechselt hatte. Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, aber irgendwie hat mich diese Erkenntnis dann doch sehr erleichtert und ich konnte den Abend richtig genießen.

Heute habe ich diesen falschen H. in der Stadt wieder gesehen. Wie immer ist er mit gesenktem Blick an mir vorbeigeschlurft. Mir fiel auf, dass seine ganze Attitüde, die ich immer für sehr arrogant hielt, doch eher unsicher wirkte.
Und dann wurde mir klar, dass er eigentlich nie anders an mir vorübergezogen ist. Schüchtern, ja beinah ängstlich. Vielleicht liegt das daran, dass ich ihm so oft direkt ins Gesicht geschaut habe und ihn namentlich begrüßt habe,
mit der Haltung: „Ich halt das aus, Du eingebildeter H.. Ich bin stärker also Du!“ Mir wird immer deutlicher, dass dieser Mensch – wer auch immer er sein mag – sich wohl über 10 Jahre vor mir gefürchtet hat.
Ich will das jetzt richtigstellen. Oder ich lass es lieber.
Oder,… verdammt, ich bin völlig überfordert!