Jeder unter sich

Ihr kennt das sicher auch.
Ihr sitzt den ganzen Tag vor dem Computer und irgendwann denkt Ihr Euch: „Meine Augen sind müde, Kaffee hatte ich für heute genug… ich glaube, jetzt wird’s für mich mal Zeit, den Partner fürs Leben zu finden und eine Familie zu gründen.
Das ist gut für meine Work-Life-Balance.“
Wenn Ihr nämlich Familie habt, dann lebt Ihr,
rein statistisch gesehen, fünf Jahre länger.
Und diese fünf Jahre könnt Ihr dann wieder,
nach Lust und Laune, am Computer ausleben.

Ihr schaut also ins Internet und dort findet Ihr den richtigen Partner, trefft den im Cafe und dann sagt der:
„Die Kondensstreifen von den Flugzeugen sind übrigens ein klarer Beweis dafür, dass uns die Regierung vergiften will!“
Was machst Du dann?

Richtig.
Du setzt Dir ein Hütchen aus Alufolie auf und sagst:
„Damit mich niemand telepathisch ausbeuten kann.“
Dann ist Dein Partner glücklich und sagt: „Juhu,
endlich mal jemand, der mich nicht für verrückt erklärt.“
Und Du denkst Dir: „O.K. für eine Nacht mach ich den Schwachsinn mit. Aber die Familie werde ich verhüten.“

Es gibt jetzt ein neues Partnerportal, gegründet von einem sympathischen jungen Pärchen aus Amerika. Dieses Portal nennt sich „Awake dating“. Es verkuppelt sämtliche Leute, die an Chemtrails und Alufolie glauben. Ich finde das toll. Ihr müßt also nicht mehr humorvoll sein, unternehmungslustig oder gar kinderlieb. Es reicht völlig, wenn Ihr alle, die Eure Überzeugung nicht teilen, für weltfremd und uninformiert haltet. Da gibt’s inzwischen tatsächlich viele potentielle Partner, die das sexy finden. Das finde ich richtig fein. Aber bitte, bleibt unter Euch!

Almenrausch

Auf der Alm. Schönstes Wetter, leichte Brise.
Die Sonne ist schon warm, der Wind ist noch kühl.
Die Wiesen sind übersäht mit Schlüsselblumen, Buschwindröschen und Krokus.
Ein Ausblick über überzuckerte Gipfel, ein fast unwirklicher Traum. Die besten Plätze vor der Hütte sind natürlich besetzt.
An der Sonnenseite, mit dem Rücken an die Hütte gelehnt.
Mit anderen Worten:
Man sitzt relativ windgeschützt, hat die volle Bräunung und die tollste Aussicht. Wer einen solchen Platz ergattert, gibt ihn so schnell nicht wieder her.
Die andern sind entsprechend enttäuscht.
Man checkt die Fitness-app am Handy, um sich wenigstens zu bestätigen: „Ich bin heute richtig viele Schritte gegangen, der Kalorienverbrauch ist maximal, ich habe heute meine Lebenserwartung um mindestens zwei Wochen verlängert.“
Am Nebentisch, im Halbschatten, eine monologisierende Mutter, mit ihrem Sohn:
„Was willst Du denn nach dem Abi machen?
Bist Du sicher, dass Du mit Deiner Vorbereitung hinkommst? Tust Du auch viel genug für Mathe? Jetzt zieh nicht so einen Flunsch. Du wirst Dich doch mal mit Deiner Mutter vernünftig unterhalten können.“
Auf der andern Seite. Ein junger Mann, mit Hipster-Bart:
„Also, ich hab eine Top-Idee für das neue Lokal.
Ich nenne es „zum lustigen Seewirt“!“
Darauf seine Begleitung, in rosa Windjacke und schwarzer Leggin, die Augen geschlossen, das Gesicht in die Sonne gereckt: „Also, ich würds „Acocado“ nennen.“
Wir befinden uns auf einer Almhütte, auf über 1300 Meter und aus einer anderen Ecke höre ich:
„Also, ich hab echt schon mal besseren Fisch gegessen.“
Ich sitze mit einem Ehepaar aus Berlin am Tisch.
Die strahlen nur, sind völlig entspannt und meinen:
„Nirgends ist es so schön, wie hier.
Wir kommen jedes Jahr her.“

Meister Isegrim

Unser Igel ist tot. Ich bin hin- und hergerissen. Ich finde das nämlich wahnsinnig albern, wegen einem Kleintier grübelig zu werden, ja, sogar in eine gewisse Trauer zu fallen. Die Welt hat momentan echt andere Probleme. Alles wackelt. Trump, Putin, Erdogan,… alle versuchen, uns ihre Lügen als neue Wahrheiten aufzutischen. Aber unser Igel ist tot. Dabei kannte ich ihn gar nicht mal so richtig. Er hat nicht mal einen Namen. Er war einfach nur „unser Igel“. Es reichte, ihn zu hören, wie er in lauen Sommernächten grunzend und schnaubend unter unseren Gartensträuchern herumtapste. Was waren wir jedes Mal verzückt, wenn wir seine Geräusche hörten. Keine schönen Geräusche. Ehrlichgesagt, widerlich. Aber die Tatsache, dass das ein ganz kleines Tier ist, das so große Geräusche macht, hat uns restlos begeistert.
Wir saßen auf der Terrasse und ahmten ihn nach. So lange, bis die Nachbarn anriefen und fragten, ob alles in Ordnung sei.
Gestern lag er vor unserer Einfahrt.
Leider kein Trump, kein Putin, kein Erdogan…
Unser Igel, tot. Damit keine falschen Bilder im Kopf entstehen:
Er wurde nicht überfahren. Schon gar nicht von mir.
Er lag da nur, äußerlich unversehrt, als hätte er sich von selbst genau da hingelegt. Damit wir ihn ja nicht übersehen, wenn wir nach Hause kommen.
Oder vielleicht hat ihn jemand da hingelegt? Vielleicht ist es auch gar nicht unser Igel. Vielleicht wurde er da hingelegt, um uns vom Rest der Welt abzulenken.
Ich warte auf die nächste laue Sommernacht. Wenn es unter den Sträuchern wieder schmatzt, rülpst und furzt, dann bin ich mit der Welt versöhnt. Gott, ist das albern!

Abgelesen

Das war schon lustig, als der Trump vor Hunderten von Anhängern (oder waren es Zehntausende?)
irgendeine Nachricht aus Schweden erfindet und seine Einwanderungspolitik damit unterstreichen will.
Oder war es eher schlimm als lustig?
Ich kenn mich da grad gar nicht mehr aus.
Man wird’s eh bald wieder vergessen haben.
Der nächste Wahnsinn kommt bestimmt schon morgen!
Aber es gab da noch einen anderen Moment, den ich so schnell nicht mehr aus meinem Kopf bringen werde.
Melania Trump betet das „Vater unser“.
Da ist mir tatsächlich ein eiskalter Gruselschauer über den Rücken gelaufen. Seit der Amtseinführung ihres Mannes hat sie kaum ein Wort in der Öffentlichkeit über die Lippen gebracht.
Und nun betet sie das „Vater unser“ und liest es auch noch ab.
Das ist doch einmal der klare Beleg,
für eine gläubige und praktizierende Christin.
Ich finde, man hätte sie dabei noch auf einen Esel setzen und ihr ein Baby, incl. Heiligenschein, in die Arme legen sollen.
Aber wer hätte Ihr dann das Textblatt gehalten?
Was mich aber am meisten Erschauern ließ, war gar nicht die Tatsache, dass sie das „Vater unser“ ablesen musste.
Was mich richtig gepackt hat, war viel mehr die Einsicht:
sie ist nicht wirklich textsicher.
Ihre Stimme bebte und ich meine, es war nicht die feierliche Ergriffenheit von der Größe des eigenen Tuns.
Was bei mir ankam, war die blanke Angst, die nackte Panik: „Wenn ich mich jetzt verlese, dann haut der mich weg und besorgt sich eine Neue. Und keiner seiner Anhänger würde ihn dafür verurteilen. Im Gegenteil.“

Freut Euch aufs Alter!

Vorgestern, nach dem Auftritt kommt eine alte Dame zu mir, funkelt mich an und meint: „Sagen Sie, sind Sie unten rum rasiert?“ Sie lacht und klopft mir auf die Brust. Ich lache mit und bin schwer beeindruckt von dieser herzlichen Unverschämtheit. Sie zieht mich zu sich runter und sagt, mit diebischer Verschwörerstimme: „Freuen Sie sich aufs Alter.
Sie müssen sich nix mehr denken. Sie dürfen alles sagen.“
Darauf ich: „Da bin ich ehrlichgesagt, jetzt schon nah dran.“
Und sie: „Es wird noch viel besser, glauben Sie mir.“
Sie strahlt und lacht und geht nicht von mir weg. Ich widme mich anderen Leuten. Mach Selfies, geb Autogramme…
die Dame bleibt daneben stehen und kommentiert.
„Schauen Sie mal, wie nervös die jungen Dinger alle werden. Übrigens, Herr Altinger, Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet.“ Alles lacht. Zwischendurch wird sie von einer jüngeren Begleiterin weggezogen. Aber die alte Dame ist stärker. Sie kommt zurück, mischt sich in Gruppenfotos, lacht, klopft mir auf die Brust und betont noch einmal:
„Das Alter! Freuen Sie sich drauf. Dann können Sie sich benehmen, wie ich.“ Und ich muss sagen: diese Begegnung macht mir tatsächlich Hoffnung. In meinem Alter ist es nämlich so, dass man viel zu oft mit unguten Gefühlen auf seine späteren Jahre schaut. In den Medien und auch in meinem Umfeld verkommt das Alter oft zu einem Monster, das man vor dem Tod noch überwinden muss. Diese alte Dame hat mir endlich mal wieder eine andere Seite gezeigt. Herrlich!
Ich werde mir ab sofort eine Liste erstellen, mit den Leuten,
die ich dann in der Öffentlichkeit frech ansprechen werde.
Und ein paar Sprüche wüßt ich auch schon.